Wesen vor Funktion – Leben vor Materie

Oft sind wir von der Versystematisierung und Verdinglichung unserer Lebenswelt so einvernommen, dass wir Systemen, sogar Dingen Handlungskompetenz attestieren. Systeme können dann drohen, etwas meinen, oft sogar etwas wollen. Das ist absurd, denn Dinge tun nichts.

Von Lukas Rüefli

 

Auch wenn die technischen Fortschritte immer grösser- und die Systeme immer ausgeklügelter werden – dem Leben wird damit niemals gerecht geworden werden können. Denn Systeme Funktionieren ausschliesslich extensional, d.h. durch und dank Abgrenzung. Vorkommnisse können aber auch intensional, also in und durch sich selber, bedeutsam sein. Sie bestehen selbst dann, wenn sie nicht von aussen, also extensional, durch Abgrenzung und Differenz von Anderem erkennbar sind. Die Lebenswelt unterliegt keiner extensionalen-, sondern einer intensionalen Sicht, einer Sichtweise von Dingen also, über die nach positivistischer Auffassung sinnvoll überhaupt nicht gesprochen werden kann und die demnach erst recht nicht in ein System, in eine Systematik integriert werden kann.

Das Lösen des Rekonstruktionsproblem der Wirklichkeit, also auch das Erfassen von Intensionalem wird durch systemische, expertenhafte Herangehensweise nur scheinbar möglich. Wenn wir die Problemzusammenhänge des Lebens durch Systeme zu lösen glauben, betrügen wir uns also selbst. Dies oft in einer ganz bestimmten und weit verbreiteten Form, deren Absurdität bei näherer und intensiverer Betrachtung offenkundig wird: Wir attestieren nämlich Dingen und Systemen Handlungskompetenzen: Systeme können dann beispiels- aber fälschlicherweise drohen oder etwas hin- bzw. nicht hinnehmen:  Auch im Journalismus, in der Politik und von Behörden wird nicht zwischen Leben und Materie unterschieden: Initiativen wollen, verlangen, tun etwas und Studien haben etwas berechnet (Tagesschau Mittagsausgabe sfdrs vom 11.11.08). – Allenfalls kann etwa “durch” eine Initiative etwas gewollt, verlangt oder getan werden oder es kann “durch” ein System etwas nicht hingenommen werden oder innerhalb einer Studie etwas berechnet werden. Grundsätzlich sind es aber Menschen, die etwas hinnehmen, wollen, verlangen und vor allem tun, nicht ein System, nicht ein Ding. Dass sich Menschen hinter einem System verstecken, um sich nicht ihrer Verantwortung stellen zu müssen, ist jedoch oft der Grund einer solchen Sprache. Experten tun dies per Definition: Unter systemspezifischen Gesichtspunkten sind etwa die hohen Gehälter von Finanzexperten erklärbar, hinsichtlich der Sinnfrage jedoch absurd. Wenn der pragmatische Nutzungswert so zentral scheint, dass Verantwortung bezüglich der Lebenswelt und moralisch-praktischer Zusammenhänge auf Systeme abgeschoben wird, ist fertig mit lustig, dann kann es gefährlich werden. Beispielsweise führt dann im Extremfall ein Staatssystem die Todesstrafe ein, und nicht die dafür Verantwortlichen. Oder Menschen werden durch einen staatlichen, technisch ausgeklügelten Vernichtungsapparat mit Säuberungsfunktion systematisch umgebracht, und nicht durch die dafür Verantwortlichen. Dann wird auf einen Schlag schmerzlich klar, was es bedeuten kann, etwas so Intensionales wie das Geheimnis des Lebens an und für sich zu versystematisieren. Es ist deshalb auch sehr grosse Vorsicht angebracht, wenn etwa vom Schulsystem die Rede ist. Denn da geht es um junges Leben. Und dem Leben wird nur das Leben gerecht, nicht ein System und nicht sich darauf beziehende Experten. Der Funktionalität wohnt kein Moment der moralischen Reflektion inne. – Zwar kann durch Versachlichung und Versystematisierung der Lebensabläufe sachlicher, effizienter, eventuell flexibler vorgegangen werden, dem menschlichen Erleben und Erfahren jedoch kommt wenig Bedeutung zu. Auch in alltäglichen Belangen: Oft sind Menschen gegenüber ihren Nächsten nicht mitfühlend sondern einfach betroffen. Agiert wird mehr aus Solidarität, weniger aus Nächstenliebe. Was die Menschen etwas angeht und nicht bloss betroffen macht, was also der Initiative, dem Einsatz, des Eingreifens, der Stimme – vielleicht des Aufbegehrens der Einzelnen bedürfte, wird so aus dem lebensweltlichen Zusammenhang in einen technischen, einem System entsprechenden Kontext gebracht. Zivilcourage, der persönliche Einsatz für Benachteiligte schwindet.